Proton : Mut zur „schlechten“ Kunst!

“All art is an intensely vulnerable gesture, and it is made with no small amounts of risk, and fear. (Kunst ist eine äußerst verletzliche Geste, geboren aus persönlichem Risiko und Angst.)“ – Steven Erikson

William Vaughan (Proton) : Vor kurzem arbeitete ich mit einer großen Gruppe von Designern zusammen, die jahrelange traditionelle und digitale Illustrationserfahrung hatten, aber im Metier 3D Neulinge waren. Als Meister ihres Fachs erschufen sie erstaunliche 2D-Illustrationen, nun aber wollten sie auch 3D-Grafik zu ihrem Toolset hinzufügen. Solche Künstler mit ähnlichen Wurzeln bei Gestaltung und Illustration, wie ich selbst sie habe, führe ich am liebsten in die 3D-Welt ein. Einige der Designer waren jedoch von diesem neuen Toolset eingeschüchtert und wurden schnell von Gedanken um Kampf und Fehlerbehebung gelähmt. Einer drückte es so aus : „Ich möchte anfangen, aber was, wenn ich es falsch mache?“ Viele von ihnen zögerten ähnlich, was sie sogar daran hinderte, ein erstes Polygon zu erstellen. Sie verfielen in eine Art Vermeidungshaltung und kehrten fix in ihre Welt der Vektor-Illustrationen zurück, wo sie sich sicher fühlten. Die Künstler, die die Tatsache akzeptierten, dass sie auf fremdem Terrain wandelten und vor ihrer Komfortzone weg mussten, begannen, 3D-Modelle zu erstellen. Ihre ersten Versuche waren grob und voll von jenen Problemen und Fehlern, die man von jemandem erwartet, der neu in diesem Bereich ist, aber sie machten genau das, was zu  besseren Ergebnissen führen würde : sie erschufen etwas. ..

Ein paar Monate verstrichen und obwohl alle weiterhin an dem Kurs teilnahmen, hatten jene Leute, die sich in ihrer Freizeit außerhalb des Trainings doch lieber mit anderen Sachen beschäftigten, weiterhin Schwellenängste, richtig zu beginnen. Ihre 3D-Fähigkeiten waren kaum fortgeschritten und sie dachten, dass ihr neues Werkzeug wohl doch zu weit entfernt war. Es war immer noch ihr Wunsch 3D zu erlernen, aber sie hatten sich eingeredet, dass es einfach zu schwierig sei und so vermieden sie, mehr Zeit für das 3D-Programm zu nutzen. Jene Künstler, denen der Einstieg gelungen war, hatten inzwischen eine Sammlung von 3D-Beispielobjekten erschaffen. Manches davon würde ich als „schlechte“ Modelle bezeichnen, aber die gesamte Arbeit zeigte eine massive Verbesserung und war schon gut genug, um in einer Produktion verwendet zu werden. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass einige der Sachen, die sie modelliert hatten, viel besser waren als das, was ich so in meinen ersten 3D-Jahren abgeliefert hatte.

Also worum gehts? Macht schlechte Kunst .. und macht sie tonnenweise. So viel schlechte Kunst, dass ihr anfangt zu glauben, dass ihr nie was Gutes erschaffen werdet. Und dann wird etwas spannendes passieren : Ihr werdet besser .. und damit auch Werke. Im Laufe der Jahre habe ich wohl mehr schlechte Kunst als gute gemacht, aber jede  „schlechte“ Skizze, Illustration oder Modellierung, die ich erstellt habe, hat mich einen Schritt näher zur Gestaltung besserer Kunst gebracht. Viele Künstler vergessen, die Tatsache zu erwähnen, dass sie allesamt „schlechte“ Kunst produzieren mussten und das sogar in grösserem Umfang, um bis zu dem guten Zeug zu gelangen. Auch ich erschaffe immer noch regelmässig schlechte Kunst, aber alle Nase lang führt das zu den guten Sachen, die ich dann stolz präsentieren kann.

[OT] Make Bad Art - by William Vaughan (Proton)

Make Bad Art – by William Vaughan (Proton)

Ich möchte euch drei Anregungen nit auf den Weg geben, die euch vielleicht helfen können, „gute“ Kunst zu erschaffen.

1. Macht Kunst so, als ob niemand sie jemals sehen wird .. und zeigt sie dann allen. Mein High-School-Kunstlehrer hat mir einmal gesagt, dass ein Skizzenbuch nicht für jedermann bestimmt sei. Es ist ein privater Ort, um Ideen zu erforschen und das Handwerk zu üben. Dieser Rat erlaubt(e) mir, ohne Zögern in ein neues Skizzenbuch einzutauchen und die Seiten mit Skizzen zu überfluten. Allerdings überspringe ich immer noch die erste Seite und lasse sie leer .. tja, manche Gewohnheiten sind schwer abzulegen.
Während also ein Skizzenbuch ein sicherer Ort zum Üben und Erkunden sein kann, ohne Angst vor der Beurteilung durch andere, solltet ihr eure 3D-Werke so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen. Nutzt die unzähligen Online-Plattformen, die euch Feedback von Künstlern aller Art bieten. Teilt eure Werke mit so vielen Menschen wie möglich, die in unserer Branche arbeiten, dann macht noch mehr Kunst und teilt auch diese wieder. Kotzt quasi all die „schlechte“ Kunst aus euern Bäuchen heraus, so dass ihr beginnen könnt, bessere Werke zu schaffen.

2. Sucht nicht nach Bestätigung und Schulterklopfen .. sucht nach konstruktiver Kritik. Klar, fühlt es sich großartig an, positives Feedback zu seiner Arbeit zu erhalten, aber eine Kritik zu bekommen, die auf das Wichtige und die schlechten Elemente in deiner Arbeit hinweist, wird dir viel weiter helfen. Wenn die Leute dir positive Rückmeldung geben, so danke ihnen und frage sie nach allem, was du tun könntest, um es noch besser zu machen. Auf der andern Seite, versuche jenes Feedback herauszufiltern, das rein negativ ist, das vielleicht von jemandem kommt, der sich nur etwas „besser“ fühlen will,  und der nicht wirklich die Absicht hat, dir weiterzuhelfen. Wenn du jemanden findest, der konsequent eine solide Kritik an deiner Arbeit liefert, teile alle künftigen Arbeiten mit ihm. Ich persönlich habe eine kleine Liste von Künstlern, denen ich immer meine neuesten Werke zeige, um schnell die Fehler zu beseitigen und Möglichkeiten zu suchen, die Arbeit zu verbessern. Ihr Feedback ist mir wertvoller als 100 Likes in jedem Forum, und es ist ihre Meinung, die mich am Ende wirklich weiter bringt.

3. Lasst euch von anderen Kunstrichtungen inspirieren .. nicht von ihnen abschrecken. Man kann leicht entmutigt werden angesichts der schieren Menge an erstaunlichen Werken, die online zu sehen ist. Lasst euch davon nicht abhalten, und fahrt fort bis ihr auf einem ähnlichen Qualitätsniveau landet. Bedenkt, dass all diese Künstler, ebenfalls unzählige Stunden investiert haben, um ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen.
Ich bin nun schon seit über 20 Jahren dabei und fühle mich manchmal immer noch wie ein Affe vor dem Bildschirm, wenn ich die Arbeiten meiner Lieblingskünstler betrachte. Dieses Gefühl der ENTmutigung verschiebt sich schnell zur ERmutigung und ich werde inspiriert, bessere Sachen zu gestalten.

Also, worauf wartest Du? Es gibt noch viel „schlechte“ Kunst, die darauf wartet, aus deinen Fingern zu fließen. Und vergiss nicht, das Rauslassen der „schlechten“ Kunst macht Platz für dein bestes Werk. Ich freue mich darauf, alles zu sehen, das Gute, das Schlechte und das Erstaunliche. Aber vor allem das Schlechte.

„Bewege dich aus deiner Komfortzone heraus. Du kannst nur wachsen, wenn du bereit bist, dich ungeschickt und unangenehm zu fühlen, beim Ausprobieren von etwas Neuem.“ – Brian Tracy

*Quelle : cg-masters.com

Ein Gedanke zu “Proton : Mut zur „schlechten“ Kunst!

  1. Am Rande ein interessantes, aktuelles Gespräch mit Philosoph Precht : „`Geschichten´ ist das, was passiert, wenn was dazwischenkommt. .. Wir allerdings leben in einer Welt der Pläne und nicht der Geschichten. .. Kreativ-Sein bedeutet ja nicht ein Problem zu lösen, das ist mathematische Kreativität, das ist vielleicht die Kreativität einiger Ingenieursberufe, normalerweise bedeutet Kreativ-Sein, etwas zu tun, wo man nicht weiss, was dabei herauskommt. .. Welches Problem hat Rembrandt gelöst, welches Problem hat Mozart gelöst? .. Die Kreativität, die uns am meisten fasziniert ist nicht die Lösung eines Problems.“

    https://www.youtube.com/watch?v=6bLIX2O2Vns

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